Antikapitalistische Klimapropheten und städtische Hohepriester des Umweltschutzes, haben uns am Wochenende mit einer “politischen Tanzveranstaltung” wieder einmal ihre wirre Weltsicht vor Augen geführt. Während die restliche Welt im Sog sozialistischer Experimente im Chaos versinkt, gehen Schweizer Jugendliche auf Befehl linker Socken  für mehr Party auf die Strasse. Grund genug wieder einmal die Ideologie der Strippenzieher aus der staatlich finanzierten, entschuldigung, autonomen ”Berner Reithalle” zu beleuchten.

“15 Thesen eines enttäuschen Revolutionärs” von Werner Munde, cand. phil. hist., an der Universität Bern, Schweiz, und publiziert im „Berner Student“ vom 2. Dezember 1968

1. Wir berauschen uns an importierten Schlagwörtern, um hinterher ernüchtert festzustellen, dass sie nicht recht auf unsere Verhältnisse passen wollen.

2. Wir flüchten uns in unverständlichen soziologischen Fachjargon, weil es uns schwerfällt, ein utopisches Modell der Neuen Gesellschaft zu entwerfen (nicht einmal auf dem geduldigen Papier will uns das gelingen.)

Wir lehnen Reformen ab, weil es dazu konkreter Vorschläge bedürfte, die wir bis jetzt nicht entwickelt haben (weil das noch schwieriger ist als der Entwurf einer Utopie).

3. Wir gefallen uns in der unverbindlichen revolutionären Pose, weil uns der Mut zur verantwortlichen konstruktiven Politik fehlt, und weil wir für deren mühsame Kleinarbeit zu wenig Geduld und zu wenig Sachkenntnis haben.

4. Wir wettern gegen die Manipulation der Massenmedien und lassen uns getrost von unseren „Studentenführern“ manipulieren. Die Massenmedien haben unsere Krawalle wohl aufregend und spektakulär gemacht, aber sie haben gleichzeitig uns und unsere Ideen korrumpiert.

5. Wir provozieren die Polizei und heulen in gekränkter Menschenwürde auf, wenn wir eins mit dem Knüppel erwischt haben, getreu der Devise: „da man sie schlagen wird, kennen sie das Risiko, und wenn sie gewillt sind es auf sich zu nehmen …“ (Marcuse). Und wenn der Langmut der Polizei doch grösser war als erwartet, dann ersinnen wir noch perfidere Methoden der Provokation.

6. Wir lechzen nach Dialog und Diskussion und lehnen gleichzeitig die dazu notwendige „reine Toleranz“ ab, obwohl „solche unterschiedslose Toleranz gerechtfertigt ist… in der akademischen Diskussion“ (Marcuse), also unter Studenten wohl gepflegt werden könnte. Aber wir lassen die Andersdenkenden gar nicht zu Wort kommen oder verunglimpfen ihre Person, wo es uns doch um die Sache gehen sollte.

7. Wir proklamieren die sexuelle Revolution und praktizieren die freie Liebe, weil uns der Mut zur menschlichen Bindung (zum Dauerengagement!) fehlt, oder weil wir dazu keinen Partner finden.

8. Wir wollen Massen kritisches Bewusstsein einhämmern und schläfern unser eigenes Bewusstsein ein mit LSD. Wir wollen die Wirklichkeit verändern und flüchten uns in die Unwirklichkeit des Rausches.

9. Wir verteufeln den Liberalismus und den Humanismus und bewundern unsere Prager Kollegen in ihrem verzweifelten Kampf für die Liberalisierung und Humanisierung ihres Systems. Wir verschließen die Augen vor der Tatsache, dass das Gegenteil des liberalen Staates der totalitäre ist.

10. Wir entblößen die faschistischen Züge in unserem Soldatenbuch und projizieren sie übergroß und verzerrt auf die Leinwand (Hommage), und gleichzeitig schicken wir das Buch unseren Berliner Kommilitonen als Lehrbuch für Krawalle.

11. Wir schreien nach Freiheit und meinen Schrankenlosigkeit und müssen schließlich resigniert feststellen, dass Freiheit in jeder Gesellschaft nichts anderes sein kann als Selbstbeschränkung, weil nur der Mensch frei ist, der andere Menschen nicht ihrer Freiheit beraubt. Vor dieser bitteren Erkenntnis flüchten wir in die Scheinfreiheit der Anarchie, um dort endgültig unfrei zu werden. (Diese Sackgasse wäre uns erspart geblieben, wenn wir rechtzeitig den „contract social“ – einen verstaubten Klassier von verblüffender Aktualität – studiert hätten: Rousseau proklamiert darin nämlich nicht die Freiheit, sondern er legitimiert die Unfreiheit in der Gesellschaft – und erschüttert damit das Ancien Régime).

12. Wir bewundern das marxistische Modell einer kommunistischen Gesellschaftsordnung und vergleichen es mit den Missständen in unserer liberal-demokratischen Praxis (mit Marcuses „totalitärer Demokratie“). Vergleichen kann man aber gerechterweise nur die beiden gleichermaßen utopischen Modelle (Rousseau behält die Demokratie den Göttern vor und auch Marx muss für sein Modell das Paradies auf die Erde bemühen) oder die beiden mangelhaften Versuche zu ihrer Verwirklichung (Marcuse: „Bei allen ihren Grenzen und Verzerrungen ist demokratische Toleranz unter allen Umständen humaner als eine institutionalisierte Intoleranz, welche die Rechte und Freiheiten der lebenden Generationen künftigen Generationen zuliebe aufopfert.“).

13. Wir entdecken unseren Mangel an zündenden Ideen und überzeugenden Argumenten und verfallen deshalb immer mehr in Perversitäten. Hüten wir uns vor der Lächerlichkeit, sie tötet unsere Ideen! Revolutionen werden mit dem Kopf und nicht mit dem Hintern gemacht.

14. Wir wollen „das System“ entlarven und bemerken beschämt, dass wir bei uns selbst beginnen sollten.

15. Wir vertagen die Revolution bis nach den Sommerferien, weil uns die Sache dann auch wieder nicht so wichtig ist.

FAZIT:

Hören wir endlich auf, Revolutionäre zu spielen, und kommen wir zur Sache – sofern wir überhaupt ein ernstes Anliegen haben, das uns auf den Nägeln brennt! Wir befinden uns weder im bolivianischen Dschungel, noch besitzen wir die rücksichtslose Entschlossenheit eines Lenin. Revolutionen lassen sich nicht importieren, sondern müssen auf dem eigenen Mist wachsen (das Scheitern Guevaras sollte uns nachdenklich stimmen!).

Beseitigen wir zuerst die Widersprüche in uns selbst, um glaubwürdiger zu werden! Wir haben nun lange genug Sündenböcke geprügelt, um von unseren persönlichen Schwierigkeiten abzulenken. Nun geht es um die Sache und nicht mehr länger um unserer Person. Wir kämpfen ja „nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil wir Menschen sein wolle“ (Marcuse). Das Wort Student wird aber immer mehr zum Schimpfwort…

Entschließen wir uns dann zur Politik! Die provokative Phase der Studentenbewegung ist zu Ende. Ihr Ziel – den Souverän und die Behörden auf die dringend nötige Universitätsreform aufmerksam zu machen – scheint mir erreicht zu sein. Wir müssen nun zur konstruktiven Phase überleiten und unsere Vorstellungen in handfeste Politik umsetzen. Dafür brauchen wir konkrete Ziele, Überzeugungskraft, Bundesgenossen im vielgeschmähten „Establishment“ (dem wir in wenigen Jahren angehören werden), größere Sachkenntnis, mehr Geduld und wahrscheinlich andere Wortführer. Wir müssen wohl oder übel den vorhandenen Institutionen ein gewisses Mass an Achtung entgegenbringen, auch wenn sie floss geheuchelt sein sollte. Etwas Diplomatie kann uns nicht schaden.

Wenn wir diesen Weg einschlagen, dann wird man uns bestimmt ernst nehmen und entgegenkommen. Wenn wir aber weiter revoltieren (von Revolutionieren kann ja keine Rede sein), dann wird man uns auf ein Stumpengeleise (Abstellgleis) abschieben, wo man uns in wenigen Jahren im selbstgewählten Raritätenkabinett bestaunen kann.

Sollten wir aber damit keinen Erfolg haben, dann können wir voller Überzeugung zur revolutionären Phase überleiten und auf die Barrikaden steigen, weil Marcuse den „überwältigenden Minderheiten“ für den Fall, „dass gesetzliche Mittel sich als unzulänglich herausgestellt haben“, ein Naturrecht auf Widerstand gegen die repressiven Gewalten zubilligt. Aber nur in diesem Fall!

» (Alle Marcuse-Zitate stammen aus dem Aufsatz „Repressive Toleranz“).

Hier noch eine Bewertung eines amerikanischen Beobachters der Studentenunruhen, Dr. Louis Garret aus Canton, Ohio (USA), der in einem TIME-Leserbrief vom 12. September 1969 (Seite 16) schreibt:

Diese so „schöne“ neue Generation
Sie wollen aufbauen, ohne Rücksicht darauf, wie sie zerstören.
Sie werden allgemeine Liebe predigen, gleichgültig wen sie dabei verletzen.
Sie werden sich nützlich machen, indem sie unnützlich sind.
Sie werden sich dazu verpflichten, sich nicht zu verpflichten.
Sie werden eine neue Gesellschaft ohne Führer führen.
Sie werden den Materialismus beseitigen, gleichgültig wieviel sie den Eltern abschmarotzen müssen.
Sie werden eine neue Moral verwirklichen, gleichgültig wie unmoralisch sie dabei vorgehen müssen.
Sie werden die Welt scheuern, obschon sie selbst die grössten Schmutziane bleiben.
Sie versprechen uns neue Zwecksetzungen, die keinen Zwecken entspringen.
Sie formulieren neue Gesetze, ohne Gesetze zu brauchen.
Sie verstehen nicht, dass ihre Eltern sie nicht verstehen.
Sie negieren technische Errungenschaften, indem sie von Mikrophon, Automobil, Strassen, Landkarten, Elektrizität, Medikamenten, Drogen, Alkohol und Konserven ausgiebig Gebrauch machen.
Der anderen Fleiß ausnutzend, ziehen sie es vor zu faulenzen.
Jetzt verstehe ich, warum ich nicht verstehe.

 

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