Neokonservatismus

Die Neokonservative Überzeugung

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Was ist eigentlich genau Neokonservatismus? Journalisten und jetzt sogar Präsidentschaftskandidaten sprechen mit beneidenswertem Selbstvertrauen über wer und was „neokonservativ“ ist, und scheinen dabei anzunehmen, dass die Bedeutung vollständig im Namen enthüllt wird. Jene von uns, die als „Neocons“ dargestellt werden, sind amüsiert, geschmeichelt, oder abweisend, kommt ganz auf den Kontext an. Es ist vernünftig sich zu fragen: gibt es da irgendein „dort“?

Von Irving Kristol*

Sogar ich, der häufig als „Godfather“ all dieser Neocons bezeichnet wird, hatte viele Momente der Verwunderung. Vor ein paar Jahren sagte ich (und schrieb auch leider), dass der Neokonservatismus in seinen frühen Jahren seine ganz speziell charakterisierenden Qualitäten hatte, diese jedoch inzwischen vom Mainstream des amerikanischen Konservativismus absorbiert wurden. Ich lag falsch, und der Grund dafür, dass ich falsch lag war, dass, seit seiner Entstehung unter desillusionierten liberalen Intellektuellen in den 1970ern, das was wir heute Neokonservatismus nennen, eines dieser intellektuellen Gedankenspiele war, welche nur sehr unregelmäßig auftauchen. Es ist keine „Bewegung“, wie es die konspirativen Kritiker haben möchten. Neokonservatismus ist, wie es der späte Historiker des jacksonianischen Amerikas, Marvin Meyers, eine „Überzeugung“ nannte, eine, die sich selbst über die Zeit manifestiert, jedoch unberechenbar bleibt, und deren Bedeutung wir nur in Retrospektive erkennen können.

So gesehen, kann man sagen, dass die historische Aufgabe und die politische Absicht des Neokonservatismus dies zu sein scheint: die Republikanische Partei und den amerikanischen Konservativismus generell, gegen deren jeweiligen Willen, in eine neue Art der konservativen Politik zu transformieren, die zum Regieren von modernen Demokratien passt. Dass diese neue konservative Politik klar amerikanisch ist, darüber besteht kein Zweifel. Es gibt in Europa nichts, dass wie der Neokonservatviismus ist, und die meisten Europäer stehen seiner Legitimität in höchstem Maße skeptisch gegenüber. Das Faktum, dass der Konservativismus in den Vereinigten Staaten so viel gesünder ist als in Europa – politisch so viel effektiver – hat ganz bestimmt etwas mit der Existenz des Neokonservativismus zu tun. Doch Europäer, für die es absurd ist, für Lektionen in Sachen politischer Innovation in die Vereinigte Staaten zu blicken, weigern sich resolut, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Neokonservativismus ist die erste Variante amerikanischen Konservativismus des letzten Jahrhunderts, der aus einem „amerikanischem Samenkorn“ stammt. Er ist hoffnungsvoll, nicht trauernd; vorwärts gewandt, nicht nostalgisch; und sein grundsätzlicher Ton ist freudig, nicht grimmig oder dyspeptisch. Seine Helden des Zwanzigsten Jahrhunderts sind tendenziell wie TR (Theodore „Teddy“ Roosevelt), FDR (Franklin D. Roosevelt) und Ronald Reagan. Republikaner und Konservativismus-Würdige wie Calvin Coolidge, Herbert Hoover, Dwight Eisenhower, und Barry Goldwater, werden gelegentlich übersehen. Natürlich werden diese Würdigen keineswegs von einem großen, wahrscheinlich dem größten, Segment von Republikanern übersehen, mit dem Ergebnis, dass die meisten republikanischen Politiker nichts über den Neokonservativismus wissen und sich nicht weniger drum kümmern könnten. Trotzdem, sie können dem Faktum gegenüber nicht blind sein, dass neokonservative Politik weit über die traditionellen politischen und finanziellen Basen reicht, und geholfen hat, die grundlegende Idee des politischen Konservativismus für eine Mehrheit von amerikanischen Wählern akzeptabler zu machen. Auch blieb es nicht ohne Beachtung, dass es neokonservative Gesellschaftspolitik ist, nicht die traditionell republikanische, welche in populären republikanischen Präsidentschaften resultierte.

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Zweiter Teil des Gesprächs

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Eine dieser Weltklugheiten, sehr sichtbar und umstritten, sind Steuersenkungen, um kontinuierliches Wirtschaftswachstum zu stimulieren. Diese Politik wurde weder von Neocons erfunden, noch hat man sich für die Einzelheiten der Steuersenkung interessiert, als vielmehr für den kontinuierlichen Blick auf ökonomisches Wachstum. Neocons sind mit der intellektuellen Geschichte vertraut und sind sich bewusst, dass erst in den letzten zwei Jahrhunderten die Demokratie eine respektable Option unter politischen Denkern wurde. Vor dieser Zeit bedeutete Demokratie ein in sich Turbulenzen tragendes politisches Regime, in dem die „nichts Habenden“ und die „Habenden“ in einen fortwirkenden, total zerstörerischen Klassenkampf verwickelt sind. Erst die Aussicht auf wirtschaftliches Wachstum an dem alle teilhaben konnten (Wohlstand und Wohlfahrt), wenn nicht gleichmäßig oder simultan, gab den modernen Demokratien ihre Legitimität und Dauerhaftigkeit.

Dier Preis dieses Nachdrucks auf ökonomisches Wachstum war eine dem Risiko weit weniger abgeneigte Haltung hinsichtlich öffentlicher Finanzen als dies unter traditionellen Konservativen der Fall ist. Neocons bevorzugen es, ein nicht allzu großes Defizit im Budget zu haben, jedoch liegt es in der Natur der Demokratie – weil es scheint, als liege dies in der Natur des Menschen – dass, politische Demagogie häufig in wirtschaftlicher Rücksichtslosigkeit endet, so dass man deswegen manchmal finanzielle Defizite als Kosten (temporär, ist zu hoffen) für ökonomisches Wachstum schultern muss. Es ist eine Grundannahme des Neokonservativismus, dass, als Konsequenz des verbreiteten Überflusses unter allen Klassen, eine Land besitzende und Steuern zahlende Bevölkerung, rechtzeitig, weniger anfällig für egalitäre Illusionen und aufwieglerische Reize und zugleich sensibler bezüglich grundlegender wirtschaftlicher Kalkulationen wird.

Dies führt zur Streitfrage über die Rolle des Staates. Neocons mögen die Konzentration von Hilfeleistungen im Wohlstandsstaat nicht und sind glücklich, alternative Wege zur Bereitstellung dieser Dienste zu studieren. Sie sind jedoch ungeduldig bei der hayekanischen Vorstellung, dass wir „auf der Straße zur Knechtschaft seien.“ Neocons fühlen diese Alarmiertheit oder Angst bezügluich des Wachstums des Staates im letzten Jahrhundert nicht; man sieht es als etwas natürliches, ja gar Unvermeidliches. Weil sie dazu tendieren, mehr an Geschichte als an Wirtschaft oder Soziologie interessiert zu sein, wissen sie, dass die Idee aus dem 19. Jahrhundert, so ordentlich verfochten von Herbert Spencer in seinem „The Man versus the State,“ ein historischer Sonderling ist. Die Menschen bevorzugten immer starke Obrigkeiten gegenüber schwachen Regierungen, obgleich sie natürlich keine Vorliebe für etwas haben, das nach allzu aufdringlicher Herrschaft riecht. Neocons fühlen sich im heutigen Amerika zu einem solchen Grad wohl, wie es traditionelle Konservative nicht tun. Obwohl auch sie vieles finden, worüber man kritisch sein kann, tendieren sie dazu, intellektuelle Inspiration in der demokratischen Weisheit von Tocqueville zu suchen, anstatt der Tory Nostalgia von, sagen wir, Russel Kirk.

Neocons sind allerdings wirklich nur bis zu einem gewissen Grad komfortabel im modernen Amerika. Der kontinuierliche Rückgang in unserer demokratischen Kultur, das Absinken auf neue Ebenen der Geschmacklosigkeit, verbindet die Neocons mit den traditionellen Konservativen – jedoch nicht mit jenen liberalen Konservativen, welche konservativ mit der Volkswirtschaft umgehen, jedoch nicht mit der Kultur. Das Ergebnis ist eine ziemlich unerwartete Allianz zwischen Neocons, die eine veritable Zahl an säkularen Intellektuellen inkludieren, und religiösen Traditionalisten. Sie sind vereint in Angelegenheiten hinsichtlich der Qualität von Bildung, der Beziehung von Kirche und Staat, der Regulation von Pornographie, und solcher Dinge. Alles, was man als geeignete Themen betrachtet, denen der Staat seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Und seit die Republikanische Partei eine substantielle Basis unter den Religiösen hat, gibt dies den Neocons gewissen Einfluss und sogar Macht. Weil religiöser Konservativismus in Europa so schwach ist, ist auch das Potential des Neokonservativismus dort entsprechend schwach.

UND DANN ist da natürlich noch die Außenpolitik, das Gebiet amerikanischer Politik, auf dem der Neokonservatismus vor kurzem das Zentrum der Medienaufmerksamkeit war. Überraschend, da es eigentlich keine neokonservative Glaubenshaltung hinsichtlich der Außenpolitik gibt, nur ein Satz an Haltungen, welche von historischen Erfahrungen abgeleitet wurden. (Der beliebteste neokonservative Text über Auslandsangelegenheiten, Dank an Professor Leo Strass von Chicago und Donald Kagan von Yale, ist der über den Peloponnesischen Krieg.) Diese Haltungen können in den folgenden „Thesen“ (wie ein Marxist sagen würde) zusammengefasst werden: Erstens, Patriotismus ist ein natürliches und gesundes Gefühl und sollte sowohl von privaten als auch öffentlichen Institutionen unterstützt und gefördert werden. Präzise, weil wir eine Nation von Einwanderern sind, ist dies ein kraftvoll verbindendes Gefühl. Zweitens, eine Weltregierung ist eine schreckliche Idee, weil sie zu einer Welttyrannei führen kann. Internationale Institutionen, die in Richtung einer solchen Weltregierung zeigen, sollten mit tiefstem Misstrauen betrachtet werden. Drittens, Staatsdiener sollten vor allem die Fähigkeit besitzen, eigenverantwortlich zwischen Freund und Feind unterscheiden zu können. Dies ist nicht so einfach, wie es klingt, wie uns die Geschichte des Kalten Krieges offenbarte. Die Zahl intelligenter Personen welche die Sowjetunion nicht als Feind berechnen konnten, obwohl die erklärte Selbstdefinition daraus bestand, war absolut erstaunlich.

Zum Schluss, für eine Supermacht sind „nationale Interessen“ kein geographischer Ausdruck, außer für ziemlich prosaische Dinge wie Handel und Umweltregulierungen. Eine kleinere Nation mag es passend finden, wenn die nationalen Interessen an ihren Grenzen enden und beginnen, so dass die eigene Außenpolitik fast immer in einem defensiven Modus ist. Und große Nationen, deren Identität ideologischer Natur ist, wie die Sowjetunion von gestern und die Vereinigten Staaten von heute, haben unvermeidlich zusätzlich zu eher materiellen Bestrebungen auch ideologische Interessen. Abgesehen von außerordentlichen Begebenheiten, werden sich die Vereinigten Staaten immer dazu verpflichtet fühlen, eine demokratische Nation, die unter dem Angriff nicht-demokratischer interner oder externer Kräfte steht, zu verteidigen. Darum lag es in unserem nationalen Interesse, im zweiten Weltkrieg zur Verteidigung von Frankreich und Großbritannien zu kommen. Deshalb erachten wir es als nötig, Israel heute zu verteidigen, sobald sein Überleben gefährdet ist. Keine komplizierten geopolitischen Kalkulationen nationaler Interessen sind von Nöten.

Hinter all dem liegt ein Faktum: die unglaubliche militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten gegenüber den Nationen der übrigen Welt, in jeder vorstellbaren Kombination. Diese Überlegenheit wurde von niemandem geplant, und selbst heute lehnen dies viele Amerikaner ab. Zu einem großen Teil passierte dies alles durch unser Schicksal. Während den 50er Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, während Europa in Frieden lag und sich die Sowjetunion zum größtenteils auf Proxies (Stellvertreter) vertraute um ihre Kämpfe zu führen, waren die Vereinigten Staaten in eine ganze Serie von Kriegen involviert: den Korea Krieg, den Vietnam Krieg, den Golf Krieg, den Kosovo Konflikt, den afghanischen Krieg, und den Irak Krieg. Das Ergebnis war, dass unsere Militärausgaben mehr oder weniger in Übereinstimmung mit unserem wirtschaftlichen Wachstum expandierten, während die Demokratien Europas ihre Militärausgaben zugunsten von gesellschaftlichen Wohlfahrtsprogrammen zurück stellten. Die Sowjetunion gab überreichlich aus, jedoch verschwenderisch, so dass deren Militär zusammen mit ihrer Wirtschaft kollabierte.

Plötzlich, nach zwei Dekaden, während denen „imperialistischer Abstieg“ und „imperialistische Überdehnung“ die akademischen und journalistischen Lieblingsworte waren, gingen die Vereinigten Staaten als einzigartig kräftig hervor. Die „Magie“ zusammengesetzter Interessen hatten über ein halbes Jahrhundert ihre Auswirkungen auf unser Militärbudget, so auch die kumulative Wissenschaft und technologischen Forschungen unserer bewaffneten Kräfte. Mit Macht kommt Verantwortung, ob gesucht oder nicht, ob willkommen oder nicht. Und es ist eine Tatsache, dass wenn man diese Art von Macht hat, wie wir sie nun haben, man Möglichkeiten findet, diese zu benutzen, oder aber die Welt diese für einen entdeckt.

Die älteren, traditionellen Elemente innerhalb der Republikanischen Partei haben Schwierigkeiten mit dieser neuen Realität in internationalen Beziehungen klar zu kommen, genauso wie sie ökonomischen Konservatviismus mit sozialem und kulturellem Konservativismus nicht in Einklang bringen können. Doch bei einem dieser geschichtlichen Zufälle beginnen die Historiker nachzudenken, unser Präsident (damals [2003] George W. Bush) und seine Administration erweisen sich in diesem neuen politischen Umfeld erstaunlich heimisch, auch wenn klar ist, dass sie diese Rolle nicht mehr erahnen konnten als ihre Partei als Ganzes. Als Resultat, begann der Neokonservativismus ein zweites Leben zu genießen, in einer Zeit in der seine Nachrufe noch immer verlegt wurden.

*Dieser Artikel erschien im Original am 15. August 2003 auf Weeklystandard.com und ist online hier zu finden. Die Übersetzung ins Deutsche erschien am 24. April 2010 exklusiv auf Politically Incorrect (PI) . Erneute Publikation mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers und der Redaktion von PI.

Der Autor Irving Kristol (* 22. Januar 1920 in Brooklyn, New York; † 18. September 2009 in Washington D.C.) war US-amerikanischer politischer Autor und Sozialwissenschaftler. Irving wird häufig als ”spiritus rector” der neokonservativen Bewegung in den USA bezeichnet. Er war Herausgeber und Mitbegrüner zahlreicher Zeitschriften und Autor vieler literarischen Werke, darunter „Neoconservatism; The Autobiography of an Idea“. Auch war er Senior Fellow des American Enterprise Institute (AEI) und seit 1972 Mitglied des Council on Foreign Relations und Präsident des Bureau of National Affairs, Inc. (BNA). Kristol bezeichnete sich selbst als Linken, der von der politischen Realität überfallen wurde („a liberal mugged by reality“). Neokonservativ war für ihn also derjenige, der gelernt hat, die Welt danach zu beurteilen, wie sie ist, und nicht, wie er sie sich wünscht.

The views expressed in this article are those of the author(s) alone. They do not necessarily reflect the views of the Zwicky Institute for Strategy and Entrepreneurship.

 

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